Francois Bertrand - Der Todeszug nach Dachau - Sonderdruck Dachauer Hefte 15 von 1999

Francois Bertrand - Notizen während der Fahrt im Todeszug

Bertrand hat eingehend über die Evakuierungstransporte geforscht.

Er schreibt: ”Nach dem Studium zahlreicher französischer, deutscher und amerikanischer Dokumente...”. Deshalb habe ich manchmal die Zahlen von Bertrands “Der Todeszug nach Dachau” übernommen, obwohl sie in früheren Artikeln oft anders lauteten.                   (Anmerkung von Nik. Saller)

Aus Dachauer Hefte 15 - 1999 KZ-Außenlager Geschichte und Erinnerung - Sonderdruck

Der Todeszug nach Dachau

Von François Bertrand

Anmerkung von mir:  Die Fußnoten hab ich nicht übernommen – Siehe Heft!

Vorbemerkung

François Bertrand wurde 1919 geboren, gehörte der französischen Résistance an und wurde 1943 zu einer Mission des katholischen Widerstands nach Deutschland geschickt. Ende 1944 von der Gestapo in Kassel verhaftet, wurde er vom SD wegen des Aufbaus eines Netzwerkes des deutsch- französischen Widerstands zum Tode verurteilt und Anfang April 1945 mit der Häftlingsnummer 139.865 in das ,,Kleine Lager" des konzentrationslagers Buchenwald eingeliefert. Am 7. April 1945 wurde er einem Evakuierungstransport zugeteilt. Nach der Befreiung des Lagers Dachau am 29. April 1945 wurde François Bertrand in verschiedenen medizinischen Einrichtungen gepflegt und konnte schließlich am 18. Juni 1945 nach Frankreich zurückkehren.

Bei dem Transport, dem Bertrand angehörte, handelte es sich um den am 28'April in Dachau eingetroffenen Zug mit nun 39 Waggons mit tausenden Leichen, den die Amerikaner noch vor der Befreiung des Lagers entdeckten und bei dessen Anblick sie sich - unendlich erschüttert – dem unglaublichen Ausmaß der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie gegenübersahen. In der Forschungsliteratur über die Befreiung von Dachau findet dieser Todeszug häufig Erwähnung, so auch im ersten Band der Dachauer Hefte. Augenzeugenberichte der wenigen Überlebenden fehlten jedoch bislang.

Gioia-Olivia Karnagel

 

 

Buchenwald Anfang April 1945

Beim Appell am 5. April 1945 befinden sich im Konzentrationslager Buchenwald, ,,Kleines Lager" und ,,Großes Lager" zusammengenommen, etwa 47000 Gefangene, Staatsangehörige 30 verschiedener Nationen. 38000 dieser Gefangenen, die meisten von ihnen aus dem ,,Kleinen Lager", werden auf die Straßen und Schienenwege Deutschlands geschickt. Um sie vor den von Westen und Osten näher rückenden alliierten Truppen zu evakuieren, werden sie auf den Transportwegen hin- und hergeschoben und werden Opfer einer Tragödie, die keinen Zweifel daran läßt,  daß diese Transporte nicht der Zusammenlegung der Häftlinge dienten, sondern ihrer Vernichtung.

Bislang ist praktisch nichts über diese Ereignisse geschrieben und veröffentlicht worden. Nach dem Studium zahlreicher französischer, deutscher und amerikanischer Dokumente ist es nun möglich, im Ganzen neun Transporte zu rekonstruieren, die vom 6. bis 11. April 1945 von Buchenwald abgegangen sind. (Das Lager Buchenwald wurde von den Amerikanern am Nachmittag des 11. April 1945 befreit.) Es gilt als sicher, daß von den 38.000 Gefangenen, die aufbrachen, wenigstens 30.000 während dieses Monats April 1945 ums Leben kamen.

Unser Transport: 7. bis 28. April 1945

Wir verlassen Buchenwald am Nachmittag des 7. April zu Fuß; beim Abmarsch sind wir 5.080. Auf der 9 km langen Strecke zum Weimarer Güterbahnhof werden 71 von uns, die zusammengebrochen sind und nicht wieder auf die Beine kommen konnten, von den SS-Wachen umgebracht. Wir steigen in einen Zug von 50 teils offenen, teils geschlossenen Güterwaggons. Der Zug wird von zwei Lokomotiven gezogen, deren Seiten eine surrealistische Aufschrift tragen: ,,Sie rollen für den Sieg".

Zum Zug gehört außerdem ein Reisezugwagen für die Befehlshaber des Transports und die höheren Ränge der SS. In einem offenen Waggon ist es möglicherweise leichter auszuhalten als in einem geschlossenen, und dies trotz der fünf Regentage in Nammering. Da die Türen der Waggons die ganze Zeit über verschlossen bleiben, wird das Atmen in einem geschlossenen Waggon im Laufe der Tage immer schwieriger, die Luft ist verpestet vom Schmutz und von den Ausdünstungen derer, die noch am Leben sind, vom Erbrochenen Sterbender und vom Gestank der Exkremente.

Es ist unmöglich, sich vorzustellen, was es heißt, 100 Gefangene in einem Güterwaggon zusammenzu-pferchen. Die Nutzfläche eines solchen Waggons beträgt 18,286m²; die beiden SS-Wachen, die sich rund um die Uhr im Waggon aufhalten, beanspruchen zu ihrer Bequemlichkeit und Sicherheit 25% dieser Fläche. Man muß sich also vorstellen, daß 100 Häftlinge auf 13,716 m² zusammengedrängt sind; wir sind buchstäblich ineinander verkeilt, dazu herrscht ein Verbot, aufzustehen, und das 22 Tage lang...

Wir verfügen über ein wenig mehr Platz, nachdem einige von uns sterben. Alle zwei Tage werden die Leichen aus den Waggons geschafft, die dann in den Leichenwaggon gebracht werden. Wegen der großen Zahl der Leichen werden einige Waggons auch vollständig geleert und ihre noch lebenden Insassen auf andere Waggons verteilt.

Die Leitung des Transports liegt bei SS-Obersturmführer Hans Erich Merbach. Er ist 35 Jahre alt, ist 1930 - also mit 20 Jahren - in die NSDAP eingetreten und seit dem 1.6. 1931 Mitglied der SS. Seine Laufbahn in der SS ist nicht gerade bemerkenswert, aber nach sechs Jahren Dienst in Konzentrationslagern (in Buchenwald, Auschwitz und wieder in Buchenwald) ist er ein Fachmann auf diesem Gebiet; in der Tat ist er in Buchenwald einer der drei Adjutanten des Lagerkommandanten, des SS-Oberführers Hermann Pister. (Für seine Verbrechen wird Merbach am 17. August 1945 vom amerikanischen Militärgericht in Dachau zum Tode verurteilt, das Urteil aber erst 45 Monate nach der Befreiung des Lagers, am 14. Januar 1949, vollstreckt. Der von Merbach und seinen SS- Wachen verursachte Tod war im Vergleich hierzu eine weitaus schnellere und unkompliziertere Angelegenheit.)

Für diesen Transport stehen ihm 10 Angehörige höherer SS-Grade sowie 120 Wachleute (etwa 2 Wachen pro Waggon) zur Verfügung. Die meisten von ihnen sind SS-Angehörige deutscher, slowakischer oder ungarischer Nationalität, unter ihnen befinden sich aber auch Luftwaffensoldaten und Angehörige des Heeres (die beiden Wachleute unseres Waggons sind 50jährige Ungarn). Es ist 20 Uhr, als sich an diesem Samstag, dem 7. April 1945, der Zug in Bewegung setzt und unser Leidensweg beginnt. Bei der Abfahrt sind wir 5.009, die Aussage unseres Kameraden Emmanuel Krouland (Buchenwald 125.139), der sehr gut deutsch spricht und versteht, läßt hieran keinen Zweifel: ,,Wir waren 5.009 bei der Abfahrt vom Weimarer Bahnhof, ich weiß das, denn ich kam bei der Abzählung durch die SS als letzter an die Reihe. Ich kam dann in den vorletzten der 50 Waggons, der letzte Waggon war bei der Abfahrt leer" (er diente später als Leichenwagen). Alle diese Männer ahnen nicht, daß von ihnen nur jeder fünfte lebend in Dachau ankommen wird.

Die im Folgenden angegebene Route des Transportes sowie die Datums- und Zeitangaben sind eine Wiedergabe dessen, was einige von uns - soweit sie noch ein kleines Notizbuch und einen Bleistiftstummel besitzen und sich in einem offenen Waggon befinden - notieren konnten: Namen von Bahnhöfen, die durchquert wurden, und Uhrzeiten, die von noch nicht zerstörten Bahnhofsuhren abgelesen wurden.

Samstag, 7. April

  • Abmarsch aus Buchenwald
  • Abfahrt Weimar 20 Uhr
  • Bad Sulza
  • Bad Kösen
  • Naumburg
  • Weißenfels

Sonntag, 8. April

  • Luckenau, Ankunft 6 Uhr

Montag,9.April

  • Luckenau, Abfahrt frühmorgens
  • Zeitz
  • Meuselwitz
  • Pegau
  • Zwenkau
  • Leipzig
  • Wurzen
  • Oschatz
  • Riesa
  • Meißen
  • Dresden. Ankunft gegen 12 Uhr 30
  • Wir sind der einzige von Buchenwald abgehende Transport, der so weit in den Norden geleitet wurde und zwei große Städte durchquerte: Leipzig und Dresden.

Dienstag,l0.April

  • Heidenau
  • Pirna
  • Teschen (Dööin)
  • Aussig (Üsti nad Labem)
  • Teplitz-Schönau (Teplice)
  • Brüx (Most)
  • Komotau (Chomutov)
  • Saaz (Zatec)
  • Rudic (Vroutek)
  • Plass (Plasy)

Mittwoch, 11.April Pilsen (Plzei)

  • Nürschan (Nyiiany)

Nach dem Bericht Merbachs ist das ursprüngliche Ziel des Transports das Lager Flossenbürg: ,,Nach fünfstündiger Fahrt (also am 8. April gegen 1 Uhr morgens) wurde ich davon verständigt, daß Flossenbürg bereits in amerikanischen Händen ist und daher mein Transport nach Dachau umgeleitet werden mußte." Dies ist völlig absurd. Weshalb über Leipzig und Dresden fahren, also von Weimar in Richtung Osten, wo doch Flossenbürg südöstlich von Weimar liegt! Leider wurde das Lager Flossenbürg von den Amerikanern auch nicht am 8. April, sondern erst am 23. April befreit. Unser Zug wird zunächst in Nürschan in Sicherheit gebracht, das einige Kilometer westlich von Pilsen liegt.

Donnerstag, 12.April 

Nürschan

Freitag, 13. April

Nürschan, Abfahrt gegen 13 Uhr 45

Staab (Stod), Ankunft 14 Uhr  (nach nur 15 min Fahrzeit)

Samstag, 14. April Staab

Sonntag, 15.April Staab

Montag, 16. April Abfahrt Staab 9 Uhr 30

Stankau (Staäkov)

Blisova (BliZejov), Ankunft 16 Uhr 30

Dienstag, 17.April Blisova, Abfahrt 4 Uhr

Taus (DomaZlice)

Neugedein (Kdynö), Ankunft 12Uhr,

Abfahrt 23 Uhr

Putzeried (Pocinovice)

Janowitz (Janovice nad Ühlava)

Mittwoch, 18. April

Grün (Zelenä Lhota), Ankunft 7 Uhr)

Spitzberg (§piöak)

Bayerisch-Eisenstein

Zwiesel

Regen

Triefenried

Deggendorf

Donnerstag, 19.April

Nammering (Aicha vorm Wald), Ankunft 16 Uhr

Freitag, 20. April Nammering

Samstag,21.April Nammering

Sonntag,22.April Nammering

Montag,23.April Nammering

Dienstag, 24. April Nammering; hier wird der Zug geteilt,

Abfahrt des ersten Teilzuges 12 Uhr, Abfahrt des zweiten Teilzuges 18 Uhr

Tittling

Kalteneck

Mittwoch, 25.April

Passau, Ankunft 2 Uhr, Abfahrt kurz nach 2 Uhr

Fürstenzell

Pocking, Ankunft 23 Uhr

Donnerstag, 26. April

Pocking, Abfahrt 7 Uhr

Mühldorf am Inn

Dorfen

nahe München (Verschiebebahnhof)

Freitag, 27. April

Umgebung von München, Abfahrt 22Uhr

Samstag. 28. April

Dachau; Ankunft 1 Uhr morgens

 

(Die angegebenen Daten und Zeiten vom 24. bis 28. April gelten für den zweiten Teil des Transports, der etwa sechs Stunden nach dem ersten abgefahren ist.) Die trockene Aufzählung enthält zwei bemerkenswerte Tatsachen: Zunächst einmal muß man sich daran erinnern, daß die zurückgelegte Strecke lediglich 760 km, also 34 km pro Tag, betrug. Ferner ist wichtig, daß es während der 21 Tage vier wichtige Fahrtunterbrechungen gab:

  • in Nürschan 2 Tage
  • in Staab 2  1/2 Tage
  • in Nammering 5 1/4 Tage
  • nahe München ¾ Tag

Im Ganzen sind dies zehneinhalb Tage, d.h. fast die Hälfte der Transportdauer. Diese Aufenthalte sind folgendermaßen erklärlich:

  • durch die Unentschlossenheit der SS-Führung, die die in Berlin ausgearbeiteten Pläne beim geringsten Anlaß auf später verschiebt oder gar völlig umändert;
  • durch die zögernde Haltung des Befehlshabers des Transports, der ebenfalls nicht den Fehler machen will, überholte oder undurchführbar gewordene Weisungen auszuführen;
  • mit der dauernden Verlegenheit, in der sich die Direktion der Reichsbahn befindet:
  • fahrendes Material zu finden;
  • schwache oder zerstörte Lokomotiven zu ersetzen;
  • Gleise und Signalanlagen zu reparieren;
  • den vorrangigen und/oder widersprüchlichen Befehlen der Kommandos der Wehrmacht und der Waffen-SS Folge zu leisten;
  • Truppentransporte;
  • Material- und Munitionstransporte; Personenzüge (die Arbeiter zu den Baustellen und zu den Fabriken bringen);
  • Züge mit deutschen Zivilisten, die nach Bombardierungen in Sicherheit gebracht werden;
  • Züge mit zivilen Flüchtlingen aus dem Osten.

Außerdem gilt es, uns an großen Ansiedlungen vorbei zu schleusen, die von intensiven Luftangriffen bedroht waren und günstigere Fluchtmöglichkeiten boten. Ein gutes Beispiel hierfür ist unser mehr als fünftägiger Aufenthalt in einem abgelegenen kleinen Ort, ohne jeden Durchgangsverkehr, mitten im Gebirge. Dies wäre der ideale Ort gewesen, uns zu ermorden.

Die während 21 Tagen erhaltene Verpflegung

Bericht des Verfassers François Bertrand, Waggon 46

  • 8.April   15 kleine kalte Karroffeln, 190 g Brot, 50 g Wurst
  • 11.April  250 g Brot und 20 g Margarine
  • 12. April  230 g Brot und 20 g Margarine
  • 13. April  250 g Brot und 40 g Käse
  • 14. April  200 g Brot und 40 g Käse
  • 15. April  200 g Brot und 40 g Käse
  • 16.April  100 g Brot
  • 20.April  4 warme Kartoffeln und 0,5 l Suppe aus getrocknetem Kohl
  • 22.April  0,5 I Suppe aus getrocknetem Kohl
  • 23. April  150 g Brot
  • 24. April  4 kalte Kartoffeln
  • 26. April  1 Päckchen ,,Wehrmachtssuppe" und ein Päckchen getrocknete Kohlsuppe.

Wir waren 8 Tage lang ohne jegliche Verpflegung.

Die gesamte Nahrungsmenge, die die Gefangenen des Waggons 46 von den SS-Wachen erhielten, bestand aus: 1570 g Brot, also 74,36 g pro Tag. 40 g Margarine, 120 g Käse, 25 g Wurst, 1 Liter Suppe und 23 Kartoffeln. Das entspricht etwa 2000 Kalorien für 22 Tage, also 90 Kalorien pro Tag, während die Tagesration eines erwachsenen Mannes, soll er nicht abmagern, 1200 Kalorien nicht uterschreiten darf.

Aufstellung des Paters Éloi Leclerc (Buchenwald 81.763) aus dem ,,Waggon der Franziskaner"

  • 8. April   1   2-kg-Brot für 6 Personen (333 g pro Person) und einige kalte Kartoffeln
  • 9. April   1   2-kg-Brot für 10 Personen (200 g pro Person) und ein Stück Käse
  • 11. April 1   2-kg-Brot für 10 Personen
  • 26.April  1 Päckchen Trockensuppe

Im Ganzen sind das pro Person 733 g Brot, einige Kartoffeln, ein Stück Käse und ein Liter Suppe; dieser Waggon war also gegenüber Waggon 46 unstreitig benachteiligt.

Aufstellung von Frangois Caes (Buchenwald 78.298)

  • 8. April   1 Brot und ein Stück Wurst
  • 24. April  1 Suppe
  • 25. April  einige Kartoffeln und Kohl

Bericht von Louis Poncet (Buchenwald 38.226; der vollständige Bericht ist in ,,Le D6port6" vom Januar 1990 abgedruckt):

  • 7. April Man gibt uns ein Brot von 800 g; das ist die gesamte Nahrung, die wir während dieses Transports von 22Tagen erhalten.

Diese vier Aufstellungen unterscheiden sich zwar in den Angaben über die erhaltenen Mengen, doch sie dokumentieren und beklagen alle eine Tagesration von weniger als 100 Kalorien.

Was wir an Nahrungsmitteln von der tschechischen Bevölkerung sowie der deutschen Bevölkerung der Gemeinde Aicha vorm Wald erhalten haben, ist mengenmäßig schwer einzuschätzen. Auf dem Bahnhof von Pilsen verschafft sich eine Gruppe tschechischer Frauen - trotz anfänglichen Widerstands der SS - die Gelegenheit, uns Wasser, Brot und Suppe zu bringen. Auf der Strecke, die unser Zug in der Tschechoslowakei zurücklegt, werfen uns Reisende aus vorbeifahrenden Zügen ihre belegten Brote und anderen Reiseproviant herüber. Der bewunderungswürdigen tschechischen Bevölkerung kann dafür nicht genug gedankt werden, denn sie hat uns damit nicht nur Nahrung für den Körper, sondern auch Stärkung für unsere Herzen gegeben.

Für die Tschechen waren wir keine Verbrecher oder Terroristen, auch keine Helden, sondern einfach Menschen, die für eine gerechte Sache litten, die ebenso die ihre war. Es gibt keine tägliche Wasserzuteilung. Hunger läßt sich aushalten, Durst zu leiden ist unmenschlich. Der Verfasser schreibt am 26. April in sein kleines Notizbuch nur: „Kein Wasser. Wir kommen um vor Durst."

Es ist bekannt, daß die Ruhr, an der die meisten bereits erkrankt sind, den Körper zunehmend austrocknet und ein rasendes Durstgefühl hervorruft.

Die obigen Angaben der Nahrungsmittelmengen decken sich weitgehend mit dem Bericht des Befehlshabers des Transports: ,,Ich bekam für diesen Transport pro Häftling folgende Rationen mit: pro Mann eine Handvoll gekochter Kartoffeln, 500 Gramm Brot, 50 Gramm Wurst und 25 Gramm MargarineT." ,,In Pilsen gelang es mir bei der dortigen Heeresverpflegungsstelle etwa 3000 Brote (ohne Gewichtsangabe) und dasselbe an 3000 Stückchen Käse zu bekommen. Das war die 1. Verpflegung, die ich den Häftlingen am 12.Tag der Reise (in Wirklichkeit war es der fünfte Tag) geben konnte." Er macht in seinem Bericht keine Angaben darüber, was vom 13. bis 28. April verteilt wurde. Merbach stellt fest: ,,Es ist meine Überzeugung, daß diese Ration für den auf 24 (sic!) berechneten Transport ungenügend war ..."

Tagebuch

7.April1945

Wir wissen, daß die Amerikaner nicht mehr weit sind, und trotzdem sind wir hier in unserem Waggon zusammengepfercht. Wir beginnen unser Abenteuer, und schon jetzt läßt uns unser Überlebenswille ständig auf der Hut sein. Noch 53 Jahre später gibt es einem einen Stich ins Herz, wenn man daran denkt, daß eine Befreiung des Lagers Buchenwald, hätte sie vier Tage früher stattgefunden, den Tod von über 30000 Gefangenen (das entspricht der Gesamtbevölkerung einer deutschen oder französischen Kleinstadt) verhindert hätte.

Ohne Bitterkeit, aber doch mit Nachdruck soll hier noch einmal daran erinnert werden, daß die Befreiung des ,,Großen Lagers" nur möglich war durch die Aufopferung tausender Gefangener des ,,Kleinen Lagers", die gegen ihren Willen evakuiert und in alle Winde verstreut wurden!

Éloi Leclerc notiert: ,,Vom ersten Abend an das Problem des Schlafens; unmöglich, sich hinzulegen. Die ganze Nacht zusammengekauert, einen Kameraden zwischen den Beinen, eine Haltung, die mit zunehmender Entkräftung so unerträglich wird, daß Russen und Polen Kranke umbringen! um mehr Platz zu haben." Hiergegen gibt es nur eine Strategie: in Gruppen zusammenbleiben: vom ersten Moment an eine geschlossene Stellung in einem bestimmten Abschnitt des Waggons einnehmen, indem sich alle Franzosen in einem Block zusammentun; die Verteidigung organisieren, denn jeder Waggon ist ein Turm von Babel.

8. April 1945

Es ist kalt; dichter Nebel; nun ist es von Nachteil, in einem Waggon ohne Dach zu sein.

9. April 1945

Éloi Leclerc: ,,Herausschaffen der Leichen, die zum Leichenwaggon gebracht werden."

Pierre Vourron: ,,In der Nacht werden drei Gefangene von Ukrainern erstickt."

Pierre Salomon (Buchenwald 81.174): ,,Aufstand der Männer aus Waggon23. Dreiunddreißig Gefangene erschossen. Der Wassermangel wird bereits zu einer furchtbaren Qual."

10. April 1945

Der Transport führt Richtung Süden, wir gelangen in die Tschechoslowakei.

11. April 1945

Der Zug hält im Pilsener Bahnhof. Sehr mutiges Verhalten tschechischer Frauen, die den SS-Aufsehern entgegentreten, um uns Lebensmittel und Wasser zu bringen.

Éloi Leclerc: ,,Fälle von Ruhr. Herausschaffen der Toten."

12. April 1945

Tod von Philippe-Maurice Bouchard, ermordet von einem Wächter.

Die Nacht vom 13. au.f den 14. April

Flucht von 22 Häftlingen dank der Unterstützung eines Wächters, der umgehend im selben Waggon erschossen wird. Die Flüchtenden werden wieder eingefangen und erhängt. Die Wachleute der offenen Waggons werden angewiesen, den Häftlingen zu befehlen aufzustehen, um sich dieses Massaker anzusehen.

Éloi Leclerc: ,,Um 9 Uhr morgens schießt ein höherer SS-Angehöriger in unserem Waggon wahllos in die Menge, 2 Kameraden werden verletzt; der am Bein Verwundete ringt ohne ärztliche Hilfe mit dem Tod und stirbt."

15. April 1945

lm Waggon 46 schießt ein SS-Wachmann in unsere Richtung, um die Ordnung wiederherzustellen. Marius Ouillé (Buchenwald 139.863) bekommt eine Kugel in die Nieren, der Verfasser dieses Aufsatzes steht ihm zwei Iange Tage in seinem Todeskampf bei.

16. April 1945

Éloi Leclerc: ,,Wir fahren durch das tschechoslowakische Tiefland, durch eine friedliche, frühlingsgrüne, hügelige Landschaft; voller Liebe sehen wir die kleinen Kirchen; Lerchen singen über den Feldern, Stille, blauer Himmel, Leute bei der Kartoffelaussaat, Hasen und Rebhühner überall"; dann wird die Idylle brutal unterbrochen: ,,In einem Bahnhof eine schreckliche Szene: Ein Häftling aus unserem Waggon wird von einem SS-Mann fast zu Tode getreten, weil er einen draußen stehenden Reisenden um Wasser gebeten hatte."

17. April 1945

Prosper-Louis Borgogno (Buchenwald 52.251) flieht in der Umgebung von Kdyne; die Flucht gelingt ihm.

18. April 1945

Wir verlassen die Tschechoslowakei.

19. April 1945

Wir erreichen Nammering, ein kleines Dorf in Niederbayern, am Fuße des Bayerischen Waldes. Es regnet, es ist kalt, wir werden mehr als fünf Tage an diesem Ort bleiben, ständigem Schneeregen ausgesetzt; in den offenen Waggons steht das Wasser fünf Zentimeter hoch. Es existieren drei Dokumente, die unseren Aufenthalt an diesem Ort bezeugen:

  • der ,,Augenzeugenbericht über die Hinrichtung von Häftlingen des Konzentrationslagers Buchenwald" des Bahnhofsvorstehers Heinrich Klössinger,  den dieser am 23. Dezember 1945 verfaßte und den amerikanischen Autoritäten übergab;
  • der Bericht des Pfarrers Johann Bergmann der katholischen Gemeinde Aicha vorm Wald (zu dem das Dorf Nammering gehört), den er an die amerikanischen Behörden und seinen Bischof richtete. (Als Zeichen der Dankbarkeit diesem Pfarrer und seinen Gemeindemitgliedern gegenüber soll dieser Text im Folgenden in voller Länge abgedruckt werden.):
  • sowie der untersuchungsbericht der 3.Amerikanischen Armee. der unter Leitung von Leutnant Richard D. Beitelshees vom 18. bis 28. Mai 1945, also vier Wochen nach dem Aufenthalt des Transports in Nammering, erstellt wurde.

Betreff: Bericht des Pfarrers Johann Bergmann über den Aufenthalt eines Transportzuges aus dem Konzentrationslager Buchenwalde in Nammering

Als Vertreter des Römisch-kath.-pfarramtes Aicha v.W. erlaube ich mir, an das Oberkommando der Amerikanischen Besatzungsarmee folgenden Bericht über die Vorgänge anlässlich des Aufenthaltes eines Transportzuges aus dem Konzentrationslager Buchenwald in Nammering zu richten:

Im Laufe des 19.4., Donnerstag, verbreiteten sich Gerüchte, dass in Nammering, Bahnstation, gehörig zu meiner Seelsorgsgemeinde Aicha v.W., eine Reihe von dort eingetroffenen Häftlingen von SS-Männern erschossen worden sei. Die Angabe der Zahl schwankte zwischen 30 und 60. Ich selber hatte in der Nacht vor her gegen 1.30 aus der Gegend Nammering Schüsse aus einer Maschinenpistole gehört. Um mich zu überzeugen, ob es sich um bloße Gerüchte oder Wahrheit handle, fühlte ich mich verpflichtet, nach dem 3 km entfernten Nammering zu gehen. Dort standen tatsächlich eine Reihe von Waggons - ihre Zahl wurde -mir mit 54 angegeben - einige offen,  die meisten bedeckt-, mit  Gefangenen gefüllt.

Das Bahnhofspersonal berichtete mir auch, dass mehrere dieser Wägen mit Toten angefüllt wären, die in einem nahen, aufgelassenen Steinbruch verbrannt würden. Ihre Zahl wurde, zunächst unbestimmt, auf etwa 300 angegeben. Eben war ein Wagen entleert worden und ich selber sah, wie von Häftlingen gerade ein Waggon mit Toten in die Nähe der Straße Aicha v. Wald - Fürstenstein geschoben wurde.

Durch die halb offene Türe sah man die Leichen hoch aufgeschichtet im Wagen liegen. Die Gefangenen waren zum größten Teile nur notdürftig gekleidet, manche zerrissen, dass man große Teile des nackten Körpers wahrnehmen konnte. Ihr Aussehen war das schwer leidender, unterernährter Menschen, ihre Haltung schwankend, kraftlos, wie das von Leuten, die lange Zeit schwersten Hunger gelitten hatten, die Augen hohl, die Gesichter eingefallen und blass wie von Toten. Die Gefangenen mussten die Toten aus den Wägen ziehen und auf mit Pferden oder Ochsen bespannte Leiterwagen verladen, welche von Bauern der Umgebung zur Verfügung gestellt werden mussten.

Vom Bahnhof wurden dann die Toten zu der etwa 1 km entfernten Verbrennungsstätte gebracht. Bei diesem Anblick überlief mich Grausen, Trotz und Zorn, sodass ich beschloss, ungeachtet des Protestes der SS-Männer, auch auf die Gefahr hin, von denselben tätlich und gewaltsam gehindert zu werden, mich von allem ganz zu überzeugen. So ging ich auch zur Verbrennungsstätte. Dieselbe bestand aus Eisenbahnschienen, die man rostartig übereinander gelegt, auf größeren Steinen geschichtet hatte; unter den Schienen wurde das Feuer unterhalten, auf den Schienen lagen die Toten, 10 bis 20, daneben war noch ein Haufen Toter, wahllos übereinandergeworfen, etwa 1 ½  m hoch, 3 bis 4 m im Durchmesser, schätzungsweise an die 100, zum Verbrennen bereit.

Ich begab mich noch am selben Abend zum Bürgermeister der Gemeinde Aicha, um mit demselben die Abstellung dieser grausigen Zustände zu erörtern. Wir vereinbarten, dass wir am nächsten Morgen, am 21.4., nach Passau fahren wollten, um mit den dortigen Behörden - Landrat und Eisenbahn - über die Beendigung der skandalösen Zustände zu verhandeln. Vom Landrat wurden wir als nicht zuständig an die Partei - Kreisleiter Moosbauer als ,,Reichsverteidigungskommissar" - verwiesen; dieser sagte einen Waggon mit Lebensmitteln zu, der in Passau am Bahnhof stünde, der aber nicht nach Nammering verfrachtet werden könnte. Wenn der Transport der Gefangenen auf dem Wege nach Dachau, wohin sie bestimmt wären, über Passau käme, würde der Lebensmittelwagen in Passau angehängt. Die Bahn sagte zu, dass der Zug in längstens zwei Tagen abgeführt werden könnte.

 Außerdem beantragten wir die Unterbringung in einem Lager, wo sie gesundheitlich besser untergebracht wären als in den ganz unhygienischen Waggons. Ich schlug zu diesem Zwecke das Arbeitsdienstlager in Tittling oder eine der beinahe entleerten Kasernen in Passau vor. Ein Teil der Häftlinge war nämlich bei dem kalten und nassen, stürmischen Wetter jener Tage nur notdürftigst gekleidet in offenen Waggons untergebracht.

Da die bedauernswerten Menschen aber bis dahin zu essen brauchten, verpflichtete ich mich, auf dem Wege über die katholische Caritas Lebensmittel zu verschaffen. Der kürzeste Weg dazu war, eine Sammlung in der Kirche zu verkünden, und meine Gemeinde, von der ich wusste, dass ich mich auf sie verlassen könne, aufzufordern, schnellstens rasch verwertbare Lebensmittel an den Bahnhof nach Nammering zu bringen. Ich wusste, dass diese Sammlung nach damaligen Vorschriften und Gesetzen eine strafbare Handlung sei, aber für mich kam nur noch die eine Überlegung in Frage, dass, soweit es auf uns ankäme, die Gefangenen nicht verhungern sollten.  Außerdem erklärte ich dem verantwortlichen Führer des Transportes, einem SS-Oberscharführer, er dürfe unter keinen Um- ständen mehr Erschießungen vornehmen; wenn er solche Morde schon aus reiner Menschlichkeit nicht meiden wolle, dann möge er bedenken, dass die Amerikaner in der nächsten Zeit zu erwarten wären und wehe ihm, wenn er solche Verbrechen auf dem Gewissen hätte. Es sind von diesem Samstagvormittag an bis zur Abfahrt des letzten Teiles der Gefangenen Erschießungen nicht mehr vorgekommen.

Die Gefangenen, die seit dem 7.4. nur 2 mal etwas zu essen bekommen hatten. - der auf 2 Tage berechnete Transport von Buchenwald nach Dachau hatte nur für 2 Tage Lebensmittel und Verpflegung mitbekommen - erhielten durch die tatkräftige Hilfe meiner Gemeindemitglieder wieder genügend zu essen. Bis Sonntagmittag waren an die 160 Zentner Kartoffel, mehrere Hundert Pfund Brot, warmer Kaffee, andere nahrhafte Suppen gebracht worden. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch, dass die Anzahl der mit diesem Zug von Buchenwald Verschleppten 4.500 Mann betragen hatte, von denen am Sonntag, 22.4., nachmittags noch 3.100 am Leben waren. Ein paar Hundert Leichen waren schon 14 Tage im Zuge mitgeführt worden. Der Zustand der Wägen war, wie man bei nur flüchtiger Einsichtnahme leicht beobachten konnte, schmutzig und unsauber. Man konnte auch feststellen. dass viele der Toten verhungert waren, aber auch, dass, nach den reichlich in den Wägen und auf dem Bahngeleise vorhandenen Blutspuren, manche durch Gewalttätigkeiten hatten ihr Leben lassen müssen. - Beim Vorübergehen hörte man oft, unauffällig, die Bitte: Brot, bitte Brot! Man merkte, dass die Gefangenen sich fürchten mussten, um Brot zu bitten, weil sie im Betretungsfalle (sic!) von den SS-Aufsehern misshandelt wurden.

Am Sonntag, den 22.4., überzeugte ich mich persönlich, dass die Gefangenen auch in den Genuss der gespendeten Lebensmittel kamen. Als dem Spender der Lebensmittel wurde mir erlaubt, unter die Gefangenen zu gehen, die voll des Dankes waren, dass sie nun wieder einmal genügend zu essen bekamen, und zwar warmes, gekochtes Essen. Am Dienstag, den 24.4., wollte ich nochmals sammeln lassen, aber am Dienstagabend ging die letzte Abteilung, 1100 Mann, nach Passau ab, nachdem am Montag, den 23.4., schon 2000 abtransportiert worden waren. Diesen Bericht erlaube ich mir zur Ehrenrettung meiner Pfarrgemeinde an das amerikanische Oberkommando einzureichen.

Ergänzend sei noch bemerkt:

Die Behandlung der Häftlinge durch die SS-Aufseher war eine denkbar rohe. Wenn sich die Häftlinge bei flüchtigem Aufenthalt im Freien um ein Büschel Gras bückten, um ihren Hunger auf diese Weise etwas zu stillen, wurden sie in der rohesten Weise geschlagen, unbekümmert darum, ob man ihnen dabei Glieder abschlug oder sie sonst verletzte. Volkssturmmännern, die in der letzten Nacht zur Verstärkung der Aufsicht aufgefordert worden waren, wurde berichtet, dass auch in den Waggons die todesmatten Häftlinge, teilweise sterbend, noch misshandelt wurden. Mit einem Nammeringer Kriegsversehrten, einem Prothesenträger, Franz Schuberl, hatte ich vereinbart, dass er mit seinem Motorrad den Amerikanern entgegenfahren sollte, um ihre Hilfe herbeizuholen. Durch den Abtransport der Häftlinge wurde diese Absicht illusorisch. Von der Parteileitung war mir die Abhaltung der Sammlung strikt verboten worden mit der Begründung:

1. für die eigenen Leute würde nicht gesammelt und

2. es handle sich um Ausländer und um Verbrecher.

Ich verwies darauf, dass von den eigenen Leuten einschließlich der Evakuierten noch niemand an Hunger gestorben wäre. Wenn diese Frage einmal aktuell würde, würde für sie ebenso gesammelt und dann zum 2.Punkt, dass alle Menschen unsere Nächsten seien, dass wir nicht die Richter und die Henker dieser sog. Verbrecher wären. Maßgebend wäre für mich die Aussage des SS-Oberscharführers, die darlege, dass er für die Leute nichts mehr zu essen habe. Ich erklärte, ich verkünde morgen die Sammlung und dann möge man mich verhaften. Von der gleichen Seite war auch wiederholt von der Erschießung der 3.000 Unglücklichen die Rede. Ich trat selbstverständlich einem solchen Vorschlag mit der größten Energie entgegen, nicht bloß als unchristlich, sondern auch als unmenschlich und machte den SS-Oberscharführer auf die furchtbaren Folgen einer solchen

schrecklichen, vieltausendfachen Mordtat aufmerksam.

Ohne mich rühmen zu wollen, darf ich bemerken, dass in jenen Tagen zu solchem Auftreten einem SS-

Führer gegenüber immerhin einiger Mut gehörte. In gleicher Weise, wie er mich anhörte, hätte der SS-Oberscharführer mich nach damals geltenden Anordnungen auch erschießen können."

In Nammering lassen wir die sterblichen Überreste von 794 unserer Kameraden zurück, deren Leichname hier verbrannt oder in Massengräbern verscharrt wurden.

24. April 1945

Abfahrt in zwei Teilzügen, der eine verläßt Nammering zu Beginn des Nachmittags, der zweite gegen 18 Uhr. Der Bericht über den Zeitraum vom 24. April bis zu unserer Ankunft in Dachau basiert auf den Notizen des Autors, der sich im zweiten Teil des Transportes befindet. In der Nacht ersticht ein Russe einen SS-Mann, darauf Blutbad in diesem Waggon. Fünf Franzosen sterben im Waggon 46, darunter unsere Kameraden aus Kassel, René Lefebvre (Buchenwald 139.862) und René Boyer (Buchenwald 139.861). Am Abend dieses 24. April haben sie ihre Decken über den Kopf gezogen, sich von uns verabschiedet und liegen am Morgen des 25. April tot an unserer Seite. Die Verzweiflung erreicht ihren Höhepunkt.

25. April 1945

Nach dem Aufenthalt in Nammering trägt sich eine erschreckende Episode zu, bei der unser Kamerad André Dematatis (Buchenwald 44.551) jedoch auf unglaubliche Weise dem Tode entgeht. Hier sein Bericht:

,,Am Ende der Reise hält der Zug mitten auf einer geraden Strecke in ebenem Gelände. Zu beiden Seiten brachliegende Felder, keine Häuser kein Mensch weit und breit. Die SS-Männer befehlen uns, die Waggons zu verlassen. Wir haben uns auf den Schotter des Bahndammes zu knien, mit dem Rücken zu den Wachen, dann befiehlt der Befehlshaber des Transports oder einer der höheren SS-Grade den Wachen jedes Waggons, uns in den Rücken zu schießen.

Michel Vidal, der im selben Waggon war wie ich, hatte den Befehl verstanden, ich nicht. Als die SS-Männer sich weigern zu schießen, bekommt der SS-Chef einen furchtbaren Wutanfall, ruft: ,,dann knalle ich sie eben selbst ab.. und fängt an, mit seiner Maschinenpistole den Gefangenen der Reihe nach in den Kopf zu schießen. Ich sah diese Szene sehr genau, denn mein Waggon war ganz nah bei der Lokomotive und dem Waggon, in dem der Chef der SS untergebracht war. Der Mörder kommt auf mich zu, hält mir die Pistole an die Schläfe und drückt drei- oder viermal ab. Keine Kugeln mehr im Magazin. Davongekommen! ...

Er geht wieder in seinen Wagen und der Zug fährt weiter. Nur eine Kugel mehr, und ich wäre nicht mehr am Leben. Noch dies: Seine Maschinenpistole war eine 7,65 aus der Waffenmanufaktur von Saint-Etienne. Mein Blick blieb, als er mich töten wollte, an dieser Pistole hängen. So unglaublich es klingen mag, da war keine Angst vor dem Tod, alles was ich sah, war diese Pistole, denn in der Widerstandsgruppe ,,Vendémiaire", zu der ich gehörte, bevor ich im Dezember 1943 auf einer Mis- sion nach Lyon verhaftet wurde, besaß ich die gleiche Waffe..,

Wir kommen um 2 Uhr morgens in Passau an, das wir um g Uhr wieder verlassen; wir haben die Donau überquert; die russischen Truppen sind in der Nähe.

An diesem Tag stirbt Bruder Louis Paraire um 9 Uhr 30, im Beisein eines Priesters, eines Seminaristen und von vier Franziskanerbrüdern, während eines improvisierten Gottesdienstes. ÉIoi Leclerc schreibt: ,,Seit dem Tod des Poverello ist wohl niemand einen so gefaßten und friedlichen, ebenso schmucklosen wie schlichten Tod gestorben wie er. Nachdem er ein Stück geweihter Hostie erhalten hatte, schlief er sanft ein, während wir den ,,Cantique du soleil" für ihn sangen."

Wir werden von zwei roten Flugzeugen bombardiert, Verletzte. Gegen 23 Uhr Ankunft in Pocking.

26. April 1945

Wir verlassen diese Stadt gegen 7 Uhr und erreichen einen großen Verschiebebahnhof bei München.

27. April 1945

Der Zug fährt um 22 Uhr ab.

28. April 1945

Wir kommen um 1 Uhr morgens in der Nähe des Konzentrationslagers Dachau an; bis zum Lager sind es noch 500 m, der Zug fährt jedoch nicht in das Lager hinein. Unsere Kameraden des ersten von Nammering abgefahrenen Teilzuges sind am Vortag im Laufe des Nachmittags eingetroffen.

Wir lassen in den Waggons hunderte von Leichen und Sterbenden zurück.

Mit völlig erstarrten Gliedern und restlos entkräftet fallen wir aus den Waggons und lassen uns, dem Verdursten nahe, auf die Knie fallen, um das schlammige Wasser der Pfützen aufzulecken. Wir müssen uns gegen- seitig stützen, als wir das Lager betreten und sind dem Tod näher als dem Leben. Gleichwohl, so unerhört dies auch scheinen mag, empfinden wir die Ankunft in Dachau als einen Segen. Dachau ist für die Überlebenden dieses Transports ein Hort des Friedens: einigen ist es vergönnt, hier zumindest menschenwürdig zu sterben, andere schöpfen wieder Hoffnung auf ein Überleben.

Hunger und Durst

Dem Hunger zu trotzen ist eine Sache der Willenskraft. Wir haben von der Grausamkeit der SS berichtet, die die Zivilbevölkerung daran hinderte, uns mit Lebensmitteln zu versorgen. Durst leiden zu müssen und das, während gleichzeitig stundenlang Regen und Schnee auf einen niedergehen - ist an der Grenze dessen, was ein Mensch aushalten kann. Auf diese Weise kommen einige Gefangene dahin, ihren Urin zu trinken. All dies wird glücklicherweise wettgemacht durch das beispielhafte Ver- halten der tschechischen Frauen und Männer uns gegenüber, oder durch die Lebensmittelsammlung des bayerischen Pfarrers.

Kälte, Regen, Schnee

Es ist wichtig zu betonen, daß wir nur spärlich bekleidet waren: eine Mütze, Holzpantinen, meist keine Strümpfe, zerrissene Kleidung, sehr leicht und aus synthetischem Material. Wohl denen, die hier eine Decke besitzen. Angesichts von Wind und Wetter ist man in einem geschlossenen Waggon entschieden im Vorteil; im offenen Waggon wird das Leben zur Qual.

Der gesundheitliche Zustand der Häftlinge

Wie grotesk und beschämend ist der Teil des Berichtes von Hans Erich Merbach zu diesem Thema: ,,... die Häftlinge (wurden) krank. Es war keinerlei ärztliche Betreuung auf diesem Transport vorgesehen, ich hatte keinen Sanitäter mit. Ich hatte nur einen Häftlingssanitäter mit einer Ärztehilfstasche für die 4.480 Häftlinge zur Verfügung. Die kranken Häftlinge bleiben auf dem Transport und wurden von dem Häftlingssanitäter betreut."

Der extreme Platzmangel

Der den Gefangenen des Waggons 46 zur Verfügung stehende Raum betrug 13,716 m², daraus ergibt sich bei den 100 Gefangenen, die wir bei der Abfahrt waren, eine Dichte von 7 Männern auf einen Quadratmeter. Dies ist kaum vorstellbar, und doch war es so, 21 Tage lang …

Sterben und Tod in den Waggons

Ist jemand gestorben, so vergehen keine fünf Minuten bis der Leichnam, noch ehe er erkaltet ist, all seiner Kleidung beraubt wird, und zwar von den Stärksten und Brutalsten. Im Waggon 46 hat jeder Franzose, der gestorben ist, das Recht auf einen Moment der Stille und des Gebetes, wird sittsam bekleidet zum Leichenwaggon gebracht.

Die Leichenwaggons

Alle zwei Tage werden die Leichen aus den Waggons entfernt und zum nächsten Leichenwaggon transportiert; dabei werden die Leichen von zwei Häftlingen rücksichtslos über den Schotter geschleift. Auf diese Weise kann man sich die Beine etwas vertreten; andererseits muß man noch Kraft genug haben, um schnell in seinen Waggon zurück zu klettern und auch dann kriegt man normalerweise immer einen oder zwei Schläge mit dem Gewehrkolben ab.  

Die Berge von Leichen

Gesicherte Zahlen über den Verbleib der Leichen lassen sich nur für Nammering angeben, wo die Überreste von 794 Kameraden verbrannt (270) oder in Massengräbern verscharrt werden (524). Aus dem Bericht Merbachs geht hervor, daß die zwischen Weimar und Pilsen in den Leichenwaggons ,,gesammelten" Leichen in Pilsen der Polizei übergeben wurden. Merbach gibt an, diese Todesfälle in seinem Notizbuch notiert zu haben, sagt aber in seinem Bericht nichts über deren Anzahl.

Die Verstorbenen erleichtern das Überleben, denn durch den entstehenden Freiraum können wir uns etwas mehr ausstrecken. Es darf nicht so aussehen, als wollten wir in Zynismus oder ins Makabere verfallen, wenn wir hier wiedergeben, was Éloi Leclerc über unseren Aufenthalt in Nammering schreibt: ,,Fünf Tage und fünf Nächte lang Wind und Regen ausgesetzt; im Waggon wird auf drei Ziegeln Feuer gemacht; zwischen den Lebendigen liegen die Toten in Wasserpfützen: Man plündert sie, man tritt auf ihnen herum, sie werden nicht mehr beachtet.“

Schließlich fragt man sich, was mit den Körpern der 2.310 Kameraden geschieht, die bei unserer Ankunft in Dachau in den Waggons und auf dem Bahndamm zurückbleiben. Sie haben ihre letzte Ruhestätte wohl in den anonymen Grabstätten auf dem Leitenberg gefunden, einem Hügel nahe der Stadt Dachau.  

Menschlichkeit und Unmenschlichkeit in den Waggons 

Jede Nacht kommt es zu Handgreiflichkeiten mit anderen Gefangenen, vor allem mit Polen, Russen und Ukrainern. Die Atmosphäre dieser Nächte ist grauenerregend: es herrscht eine Atmosphäre des Dschungels, der  Mensch ist dem Menschen wirklich ein Wolf und es ist buchstäblich ein Kampf ums Überleben; seine Decke oder seine Schuhe zu verlieren, kann den Tod bedeuten ...

Daß einige unserer Kameraden irgendwann den Kampf ums Überleben aufgeben, ist nur aus der völligen Verzweiflung erklärlich, in die sie diese Situation getrieben hat. Aber zur selben Zeit entsteht hier diese außerordentliche, alle Bande des Blutes überschreitende Solidarität und Brüderlichkeit unter kleinen Gruppen von Männern, die buchstäblich auf Leben und Tod vereint sind. So liegt z.B. dem Stück geweihter Hostie, das Bruder Louis Paraire kurz vor seinem Tode erhält, folgende authentische Geschichte zugrunde.

Beim Kommando Langensalza (einem Außenlager des Lagers Buchenwald) arbeiten die Häftlinge des Konzentrationslagers, französische Zivilisten, die zum Arbeitseinsatz im Deutschen Reich zwangsverpflichtet waren (Service de Travail Obligatoire, STO) und französische Kriegsgefangene Seite an Seite. Einige Hostien, die von einem Priester aus der Gruppe der französischen Kriegsgefangenen geweiht worden sind, gelangen durch einen protestantischen französischen Zivilisten des STO an einen Priester in Buchenwald. Pére Harrignodorquy, denselben Priester aus Pau, der dann Louis Paraire in seinen letzten Augenblicken beisteht. 

Die Fluchtversuche 

Es gab unseres Wissens drei Fluchtversuche, die gelangen. Sie waren nur möglich auf tschechischem Gebiet, wo die Bevölkerung unter Lebensgefahr Flüchtende aufnimmt, versteckt und versorgt.  

Todesfälle als Folge der Behandlung durch die SS 

Es ist unmöglich, in allen Fällen die genauen Todesursachen anzugeben. Die Gefangenen starben 

  • an Krankheiten (Wundbrand, Flecktyphus, Amöbenruhr, Herz- und Lungenkrankheiten);
  • an extremer Körperschwäche, weil ihnen Nahrungsmittel und Wasser vorenthalten wurden;
  • an den Folgen von Schlägen oder Schußverletzungen und wurden ohne ärztliche Hilfe einem oft schrecklichen Todeskampf überlassen.

Andere wurden gruppenweise erschossen als Vergeltungsmaßnahme für eine kollektive Flucht, oder um einen von einem Häftling umgebrachten SS-Mann zu rächen.  

Die Höllenfahrt 

Nicht nur unsere Körper sind stark in Mitleidenschaft gezogen (bei einigen von uns derart, daß jahrelange ärztliche Behandlung notwendig wird),  sondern auch unsere Psyche ist schwer angegriffen. Wir wollen hier versuchen, das Unfaßliche zu begreifen, das Unmitteilbare in Worte zu fassen; aber was damals geschehen ist, läßt sich in Worten nicht wiedergeben.

Wir haben zudem Schuldgefühle gegenüber unseren Kameraden, die den Transport nicht überlebten; weshalb sind wir noch am Leben, sie aber nicht?

Auch stellt sich eine gewisse Verbitterung ein, wenn man über all dies seinen Landsleuten gegenüber (denen, die die Zeit über in Frankreich blieben und von den Kriegsereignissen kaum betroffen waren) immer wieder zwar keine Rechtfertigungen, aber doch Erklärungen abgeben muß. Im übrigen läßt sich das Grauen nicht quantifizieren, ohne polemisch zu werden, kommt der Erzähler nach der Lektüre von Dutzenden und Aberdutzenden von Dokumenten, Büchern, Berichten und Briefen zu dem Schluß, daß es erforderlich ist, die Härte jedes Transportes zu relativieren. Mit Gewissenhaftigkeit stellt er fest, daß der Transport, von dem auf diesen Seiten die Rede ist, einer der todbringendsten war, einer der härtesten und einer der längsten der Konzentrationslagertransporte. 

Die Ankunft im Lager Dachau 

Wir betreten das Lagergelände am 28. April 1945 gegen halb zwei oder zwei Uhr morgens; zunächst werden wir in den Waschraum gebracht, wo wir zu warten haben; von diesem Moment an verliert sich alles im Nebel, da sind Bilder, wie wir auf dem Zementboden sitzen; wir sind bis auf die Knochen abgemagert; wir leiden nicht einmal mehr, wir sind völlig entkräftet. In einer Ecke des Waschraums nehmen sich Kameraden, die sich in einer wesentlich besseren körperlichen Verfassung befinden als unsere kleine Gruppe, die Kapos vor, die jetzt nicht mehr den Schutz der SS_Männer genießen und alle Macht und damit auch alle Arroganz verloren haben. Auf diese Weise kommen einige Dutzend Kapos durch Lynchjustiz ums Leben: mit Holzpantinen und Koppeln eingeschlagene Schädel.

Drei Ereignisse hinterlassen kaum Spuren in unserer Erinnerung: 

  • Erstens die Tatsache, daß wir in Dachau keine Gefangenennummer erhalten, obzwar unsere Anzahl bei der Ankunft registriert wird (wofür es zwei Belege gibt: ein Schriftstück der SS-Lagerverwaltung und ein Dokument einer polnischen Organisation). Wir sind 816 Überlebende! Im Ganzen werden an diesem 28. April um 6 Uhr morgens 30.043 Häftlinge im Lager gezählt, unsere Gruppe inbegriffen
  • Das zweite Ereignis ist unsere Überstellung in einen Block des Lagers; unsere Gruppe aus Kassel wird der Baracke 24 zugewiesen, die in der Nähe der Baracke liegt, in der die Priester untergebracht sind. Unsere Baracke ist überbelegt, eine wahre Räuberhöhle, wir leiden alle an der Ruhr und haben Typhus, der aber noch nicht offen ausgebrochen ist; ob wir überleben werden oder nicht, steht auf des Messers Schneide.
  • Das dritte Ereignis ist die Befreiung des Lagers durch die amerikanischen Truppen am 29. April, gegen 17 Uhr 30. Wir erleben die Befreiung in einem Zustand völliger Lethargie; wir haben körperlich weder die Kraft uns zu freuen noch die Kraft, ein paar Schritte zu gehen, um zu beobachten, wie die SS die Wachtürme verläßt.

Für uns gilt es nun, überhaupt unseren Lebenswillen wiederzufinden und mit unseren Kräften behutsam umzugehen, damit wir dem Tod entgehen, der uns nach aller Logik in jeder Minute hätte ereilen können. Einige Tage später werden wir in ein Feldlazarett der amerikanischen Armee auf- genommen, wo wir auf vorbildliche Weise von einer Gruppe Mediziner versorgt werden, der wir unser Überleben verdanken; einige von uns, die nicht an Typhus erkrankt sind, werden von der bewundernswerten Mission Vaticane gepflegt. Später, Mitte Mai 1945, nimmt sich dann die erste französische Armee unsrer an, wir können nun in verschiedenen Militärkrankenhäusern am Bodensee oder im Schwarzwald langsam genesen und wieder zu Kräften kommen, gestärkt durch die Hoffnung, unsere Heimat und unsere Familien bald wiederzusehen.

Unglücklicherweise sterben jedoch noch einige; sie erleben den Sieg der Alliierten, aber gelangen nicht zu ,,ihrer" (eigenen) Befreiung. Die Rückkehr in die Heimat erfolgt dann zwischen Anfang Juni und August 1945. 

Die Schreckensbilanz in Zahlen 

Beim Abmarsch aus dem Lager Buchenwald sind wir 5.080.   71 werden von der SS auf dem Weg vom Lager zum Weimarer Güterbahnhof erschossen.

Bei der Abfahrt des Zuges sind wir noch 5.009. 

Von der Abfahrt in Weimar bis zum Ende der Fahrt, die vor den Toren des Konzentrationslagers Dachau endet, sterben 1.884 Kameraden: 

  • 1.090,  deren Leichen an verschiedenen Orten der Strecke zurückgelassen werden:
  • 524,  deren Leichen in Nammering verscharrt werden;
  • 270,  deren Leichen in Nammering verbrannt werden. 

Anzahl der Toten in den Waggons 2.310

Die Anzahl der Toten, die von den amerikanischen Truppen am 29. und 30. April 1945 in den Waggons gefunden werden, beträgt insgesamt 2.310.

Während des Transports sind also folgende Verluste zu verzeichnen:

  • auf dem Weg von Buchenwald zum Weimarer Bahnhof erschossen      71
  • Tote auf der Fahrt von Weimar nach Dachau      1.090
  • verscharrt oder verbrannt in Nammering        794
  • in Dachau tot in den Waggons aufgefunden      2310

Insgesamt sind auf dem Transport  Menschen umgekommen   4.265

In die Register des Lagers Dachau werden am 28. April um 6 Uhr morgens 816 Überlebende eingetragen, das entspricht einem Verlust von 84 %. Die Zahl von 2.310 in den Waggons unseres Zuges gefundenen Leichen wird durch fünf Quellen belegt. Man muß davon ausgehen, daß von den 816 Überlebenden noch einmal etwa die Hälfte zwischen der Befreiung und ihrer Heimkehr, oder auch noch einige Wochen oder Monate nach ihrer Heimkehr den schweren Krankheiten (Ruhr, Wundbrand, Herz- und Lungenkrankheiten und der Typhusepidemie) sowie der völligen Auszehrung zum Opfer fallen. Niemand weiß, wie viele von den 400, die den 1. Januar 1946 überlebten, noch am Leben sind.

Uns ist es mit viel Mühe gelungen, in Frankreich 27 Überlebende des Transports ausfindig zu machen, 24 von ihnen leben heute noch.

Wir, die Überlebenden, tragen die hier wiedergegebenen Erinnerungen in unserem Herzen, auch weil wir noch immer nicht wissen, weshalb wir damals nicht umkamen. Und vielleicht ist es wichtig, unsere Erinnerungen dem Gedächtnis der Allgemeinheit anzuvertrauen; jedenfalls rechtfertigt dies das Erstellen dieses Dokuments.

Francois Bertrand, 1999


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