Frau Helga Obermeier liest Ausschnitte von Augenzeugenberichten

Berichte von unmittelbaren Zeitzeugen 

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Augenzeugen berichten - vorgetragen bei der Gedenkfeier 2005 von Helga Obermeier aus Nammering

Viele Menschen, die vor 60 Jahren das dramatische Geschehen und die unfassbare Unmenschlichkeit auf diesem Bahngelände mit ansehen mussten, leben heute nicht mehr. Aber ihre Aufzeichnungen zeigen uns, was Menschen einander antun, wenn Hass und Hetze das Geschehen bestimmen. Hören wir die Berichte der Betroffenen aus jenen Tagen:

 

Tief bewegt von dem was er erlebte, gab der Bahnbedienstete Heinrich Klössinger zu Protokoll:

 "Als sich der Zug auf der Strecke Nammering befand, hörte man mehrere Schüsse fallen. Beim Einrollen des ersten Zugteils, bestehend aus 15 Waggons, hörte ich Jammern und Hilferufe in den Waggons, wusste jedoch nicht, was eigentlich los sei. Dieser Zug wurde hier hinterstellt und dann zwei weitere Teile angefahren, so dass insgesamt 54 Waggons beim Bahnhof Nammering abgestellt wurden.

(...)Es sei strengste Bewachung erforderlich und rücksichtslos mit den Häftlingen umzugehen.(...) Wie Merbach, der SS-Sturmführer, sagte, starben täglich Leute am Hungertod und er habe schon 250 Tote in einem Waggon mitgebracht. Ich verwies Merbach an den Ortsbauernführer in Renholding, damit er auch Kartoffeln für die wehrlosen Menschen bekomme. Diese wurden auch angefahren, gekocht und an die Häftlinge verteilt.“

 

Als der Aichaer Pfarrer, Johann Bergmann von dem Transport hörte, eilte er zum Nammeringer Bahnhof. Er schrieb:

 "Eben war ein Wagen entleert worden und ich selber sah, wie von Häftlingen gerade ein Waggon mit Toten in die Nähe der Straße Aicha-Fürstenstein geschoben wurde. Durch die halb offene Türe sah man die Leichen hoch aufgeschichtet im Wagen liegen. Die Gefangenen waren zum größten Teil nur notdürftig gekleidet, manche zerrissen, dass man große Teile des nackten Körpers wahrnehmen konnte. Ihr Aussehen war das schwer leidender unterernährter Menschen, ihre Haltung schwankend, kraftlos, wie die von Leuten, die lange Zeit schwersten Hunger gelitten hatten, die Augen hohl, die Gesichter eingefallen und blass wie von Toten. Die Gefangenen mussten die Toten aus den Wägen ziehen und auf mit Pferden und Ochsen bespannten Leiterwagen verladen, welche von Bauern der Umgebung zur Verfügung gestellt werden mussten.“

 

Auch der Bauer Josef Dichtl wurde zum Leichentransport gezwungen:

 ”Bei einigen Toten konnte ich sehen, dass sie Einschüsse in der Stirn oder Schläfe hatten. Ein Toter hatte die Schädeldecke eingeschlagen. Ein Teil der Toten war so mager, dass ich annehmen kann, dass sie den Hungertod gestorben sind.”

 

Tief berührt von dem Hunger und der Not der abgemagerten Häftlinge rief Pfarrer Bergmann seine Pfarrgemeinde mit eindringlichen Worten zu einer Lebensmittelspende auf und sein Appell hatte unerwarteten Erfolg, trotz aller Notzeiten.

Maria Simperl, sie wohnte in der Bahnhofsgaststätte, schrieb über die Verteilung:

 "Vom Bauern bis zur ärmsten Familie wurde gespendet, was ich persönlich sah, nachdem die Sammelstelle der Lebensmittel auf Anordnung des SS-Obersturmführer Merbach in unserer Wohnung war. Das Zerkleinern der Brote machte ich und trug zwei Körbe voll zu den Waggons, wo ich verteilte. Hier konnte ich sehen wie sich die Menschen vor Hunger untereinander sich selbst schlugen. (...) Ich habe einmal versucht einem Häftling Brot zu geben. Es wurde ihm jedoch von einem SS-Posten abgenommen und bekam Schläge ins Gesicht.  Große Mengen wurden aus allen Richtungen herangebracht und durch die SS verteilt.”

 

Immer wieder hat der Bahnbeamte Klössinger die unmenschlichen Vorgänge in seinem Dienstbereich gewissenhaft aufgeschrieben und wurde so zu einem der Hauptzeugen des Massakers von Nammering:

 "Bei Rangierbewegungen im Bahnhof Nammering konnte man das Wimmern der wehrlosen Menschen in den Waggons wahrnehmen. Sie versuchten bei der Wagenöffnung Wasser zu verlangen, wurden aber durch die Wachmannschaften zurückgeprügelt. Die Menschen waren abgemagert. An vielen Köpfen konnte man Schlagwunden feststellen  z.B. blaue Flecken, Abschürfungen im Gesicht. Sie durften nicht wagen sich aufzurichten...”

“Zwei Gefangene, begleitet von zwei Posten, trugen einen großen Bottich mit Wasser. Um sich die Arbeit zu erleichtern, versuchten sie einenStock durch die Ösen des Bottichs zu stecken. Dabei wurden sie bemerkt und sofort von einem Posten durch Genickschuss getötet.

 Diese Quälerei und Schießerei hielt Tag und Nacht an...”

“Eines Morgens um 6 Uhr beobachtete ich bei einem Dienstgang durch die Bahnanlagen, wie zwei SS-Männer die Gefangenen eines offenen Waggons wachprügelten. Sie mussten die Toten der vergangenen Nacht aus ihren Waggons werfen. Darunter befanden sich aber noch Sterbende, die gleich von einem SS-Uffz. erschossen wurden. Andere Häftlinge wurden herangeholt und mussten diese Leichen in den Waggon mit den Toten schaffen. Ich sagte dann zu diesem Uffz., er solle endlich  mit dem Morden aufhören, worauf er mir antwortete, ich solle mich scheren, sonst käme ich als nächster dran...

 Am Vormittag eines anderen Tages beobachtete ich; wie sich ein Häftling dem nächsten Schienenstrang zu nähern versuchte, um dort die vom Militärzug zurückgelassene Kartoffelschalen zu sammeln. Er wurde bei diesem Vorhaben durch einen SS- Posten durch Kopfschuss getötet...

 Als eines Morgens die Gefangenen eines Waggons unter Bewachung von zwei SS-Posten zum Austreten an eine Steile Böschung geführt worden waren, versuchten wieder einige Gras zu pflücken, um wahrscheinlich ihren Hunger zu stillen, entfernte sich ein Gefangener einige Meter weiter und er wurde deshalb von einem der beiden Posten durch Kopfschuss getötet. ...

 Am 20. April waren zwei Häftlinge damit beschäftigt, die mitgebrachten und die hier angefallenen Toten aus einem Waggon in ein Fuhrwerk umzuladen. Sie wurden dabei von einem SS-Posten beaufsichtigt. Der Posten verlangte ungeheure Schnelligkeit. Als den beiden schwachen Häftlingen eine Leiche zwischen Waggon und Pferdegespann fiel, erschoss der Posten dafür einen dieser beiden Häftlinge...

 Ein Häftling verlangte Austreten aus dem Wagen und wurde bei dieser Gelegenheit von einem Posten erschossen, ohne dass irgendein  Anlass  vorgelegen wäre. Am 19. April wurde bei Nacht ein ganzer Waggon von 45 Häftlingen erschossen. Am nächsten Morgen floss das Blut noch durch den Boden des Waggons. Die Leichen wurden am nächsten Tage 6 Uhr früh aus dem Waggon geworfen; die nur Verwundeten mit Genickschuss getötet oder mit dem Gewehrkolben erschlagen. Tag und Nacht ging das Morden weiter. Geschrei und Gejammer war bei Tag und Nacht zu hören. SS-Obersturmführer Merbach sah diesen Mordtaten zu, ohne besondere Anordnungen zu geben.“

Schließlich, nach 5 Tagen, rollte der Todeszug, mit seinen Menschen ohne Hoffnung, weiter in Richtung Dachau. 794 ermordete Häftlinge blieben in unserem Heimatort zurück.

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