Staatssekretr Franz Meyer spricht:

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Herr Staatssekretär Franz Meyer nahm als offizieller Vertreter der Bayerischen Staatsregierung an der Gedenkfeier teil.

Grußwort des Staatssekretärs im Bayerischen Staatsministerium der Finanzen Franz Meyer, MdL

am Sonntag, 24. April 2005,  14.00 Uhr in Nammering

 

„Nie werde ich vergessen". Getreu diesem Wahlspruch kommen wir heute zusammen, um der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zu gedenken.

Unser Blick richtet sich an diesem Tag auf 794 KZ-Häftlinge, die im April 1945 auf dem Transport  Buchenwald-Dachau hier am Nammeringer Bahnhof auf grausamste Weise umkamen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Aufklärung ist wichtig. Und wichtig ist auch, zu wissen und zu erkennen, dass man im Angesicht des Bösen nicht warten, nicht wegschauen darf, weil es einen ja selbst anscheinend nicht betrifft.

Wir werden der Ehre der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft am besten gerecht, wenn wir mit allen Mitteln verhindern, dass so etwas je wieder geschehen kann.

Die Grundlagen dafür haben wir nach Kriegsende mit dem Grundgesetz geschaffen: Darin ist in Artikel 1 als höchstes Gut festgeschrieben, dass die Würde des Menschen unantastbar ist.

Wir gedenken an diesem Tag aber auch derjenigen, die verfolgt und ermordet wurden, weil sie gegen die Gewaltherrschaft Widerstand leisteten.

Konrad Adenauer hat in einer großen Rede im Juni 1954 einmal gesagt: "Wer aus Liebe zum deutschen Volk es unternahm, die Tyrannei zu brechen, wie das die Opfer des Widerstandes getan haben, ist der Hochschätzung und Verehrung aller würdig".

Ich nenne in diesem Zusammenhang beispielhaft für viele, die man nennen müsste nur Pfarrer Maximilian Kolbe und Pastor Dietrich Bonhoeffer. Sie hätten mit wenigen Sätzen ihrer Hinrichtung entgehen können. Sie haben dies nicht getan, sondern blieben ihren Glaubensüberzeugungen treu und sind dafür gestorben.

Meine Damen und Herren,

das Gedenken an die toten Häftlinge und an alle Opfer des zweiten Weltkrieges ist wichtig. Erinnern ist wichtig. Denn die Erinnerung und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit führen uns immer wieder vor Augen, dass ein Leben in Frieden keine Selbstverständlichkeit ist.

„Gemeinsame Erinnerungen sind manchmal die besten Friedensstifter" - dieser Ausspruch eines französischen Schriftstellers (Marcel Proust) besitzt mehr denn je Gültigkeit.

Für uns Deutsche gibt es eine gemeinsame Verantwortung für unsere Geschichte der wir nicht ausweichen dürfen, wenn uns das Vermächtnis der Toten, um die wir heute trauern, wirklich wichtig ist. Die letzten Jahrzehnte haben uns hoffnungsvolle Perspektiven auf einfriedliches Zusammenleben von Menschen verschiedener Nationen und unterschiedlicher Kulturkreise eröffnet.

Zugleich machen uns jedoch neue Konflikte bewusst, dass politisches und militärisches Machtstreben, Gewaltbereitschaft, Menschenrechtsverletzungen und Völkerhass keineswegs aus unserer Welt verschwunden sind. Solange es Menschen gibt, die glauben, dass politische, wirtschaftliche, ethnische oder religiöse Konflikte mit Waffengewalt gelöst werden können, solange muss die Arbeit für den Frieden weitergehen.

Wir brauchen deshalb das Gedenken an die Zeit des 2. Weltkrieges, um zurückzublicken, um unsere Verantwortung für das Geschehene zu erkennen und um Konsequenzen für unser Handeln abzuleiten.

Eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit trägt zu einem verantwortlichen Handeln in Gegenwart und Zukunft bei.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ein wesentliches Anliegen muss in diesem Zusammenhang der Dialog zwischen den Generationen sein.

Dieser Teil unserer Geschichte darf sich nie mehr wiederholen. Das volle Wissen um die schreckliche Wahrheit und das Erinnern an das unvorstellbare Leid von Millionen von Menschen sind essentiell für ein dauerhaft friedvolles Miteinander. Halbwahrheiten und Verharmlosung dagegen sind der Nährboden, auf dem Hass und Intoleranz gedeihen.

Meine Damen und Herren,

die Erinnerung an Krieg und Völkermord im Nationalsozialismus ist Teil unserer gelebten Verfassung geworden. Diese Erinnerung gehört zu unserer nationalen Identität. Die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen ist eine moralische Verpflichtung. Wir sind dies nicht nur den Opfern, den Überlebenden und ihren Angehörigenschuldig. Wir sind es uns auch selbst schuldig.

Wer seine Vergangenheit nicht kennt, dem fehlt auch der Kompass für eine an christlichen und humanen Grundsätzen ausgerichtete Zukunftsgestaltung.

Wer jedenfalls die Freiheit in unserem Land genießt, ohne zu wissen, wie viele Opfer erbracht werden mussten, um sie zu erringen, wird ihren Wert nie ermessen können.

Es stimmt schon: die Verlockung des Vergessens und des Verdrängens ist sehr groß. Aber wir dürfen und wir werden ihr nicht erliegen. Und so erinnern wir uns heute an die unsäglichen Leiden der Opfer. Wir erinnern uns an die Toten, deren Vermächtnis an uns lautet: "Vergesst uns nicht."

Für 794 Häftlinge war 1945 hier in Nammering die letzte Station. Auf unvorstellbar grausame Weise wurden sie in den letzten Kriegstagen von SS-Schergen ermordet. Eine menschenverachtende Tragödie, ein Schreckensereignis, für das es keine Worte gibt.

Aber das ehrende Gedenken an die Toten ist tief in den Herzen der Menschen verankert. Das ist gut, denn diese Opfer dürfen nicht ein zweites Mal sterben durch Vergessen werden.

In vorbildlicher Weise klärt die Gemeinde Fürstenstein aufrichtig über die hier statt gefundenen Greueltaten auf. Einer privaten Initiative ist es zu verdanken, dass die Erinnerung an das abscheuliche Verbrechen wach gehalten wird. Die Geschehnisse werden nicht verdrängt, sondern als Teil der Gemeindegeschichte begriffen.

Für viele Fürstensteiner sind die schrecklichen Verbrechen von damals Teil ihrer Lebensgeschichte und somit Teil ihrer Identität geworden. Fürstenstein setzt ein positives Zeichen, nicht nur für die Gemeinde selbst, sondern für ganz Bayern.

Nein, wir vergessen nicht!   Wir halten inne und gedenken dieser Menschen. An das unbegreiflich große Leid, das ihnen unschuldig angetan worden ist.

Wir werden niemals vergessen.

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Franz Meyer

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