Mord an Jakob Petri (Paus-Mller) 28.April 1945 - einen Tag vor den Amerikanern

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Dieser Gedenkstein steht bei Aicha (zwischen Vulcano und Straße)

Das Kreuz erinnert an Jakob Petri, den Paus-Müller, der von der “Braunen Schwester” denunziert und von SS- Leuten im Aichaer Pfarrhölzl durch einen Genickschuss ermordet wurde, noch in der Nacht bevor die Amerikaner eintrafen.

"Jeder Verräter gehört an den Galgen"

Letzte Kriegstage im Landkreis Passau                                                     von Hans Hübl

Mit der Nähe der Niederlage der Nationalsozialisten wuchs das Risiko ihrer Gegner In der Region waren SS-Männer einquartiert (Gesamtstärke der SS 1944 840 000 Mann)-  unter ihnen genug, denen ein Menschenleben nichts galt. In Aicha hielten sich zeitweilig mehr als zwei Dutzend SS-Angehörige auf. Einige hatten den Auftrag zum Sprengen von Brücken und Straßen, sollte der Feind die Gegend erreichen. Andere SS-Leute befassten   sich mit der "Widerstandsmoral" der Volksgenossen, schnell bereit, auch Henkersarbeit zu verrichten.

Wer aufmuckte, konnte plötzlich in Lebensgefahr geraten; oft genügte ein unbedachtes Wort am falschen Ort. Hitlers Schergen begingen ihre Verbrechen bis zur letzten Stunde   des zusammenbrechenden DonauzeitungReiches. - Während der Häftlingstransport noch auf dem Nammeringer Bahngelände stand, und täglich die Anzahl der zu Tode Gequälten wuchs, hetzten die Meinungsmacher in der "Donauzeitung" ihre Leser in Kommentaren zu  Gewalttaten auf. So stand in den letzten 10 Tagen des Reiches zu lesen:

    19. April: Wir aber schauen auf ihn (Hitler) voll Hoffnung und in tiefer unerschütterlicher Gläubigkeit..." 

    23. April: "Das Gebot der Stunde ist rücksichtsloser Einsatz. Wer sich dem entzieht ist ohne Ansehen der Person oder Stellung als solcher gerichtet..." 

    24. April: "Volksgenossen, macht Gerüchtemacher unschädlich." 

    25. April: "...schlagt Schwindlern und Schwätzern auf das Maul."

    26. April: "Verräter sind Feiglinge und Volksschädlinge, wir werden sie ausrotten..."

    27. April: "...wer den Widerstandswillen lahmt, ist sofort niederzumachen. Wer die weiße Fahne hisst, ist sofort zu vernichten. Jeder Verräter gehört an den Galgen."

Wer heute den mangelnden Mut und den fehlenden Widerstand der Menschen jener Zeit beklagt, kann durch das Schicksal des “Paus-Müllers” zu einem bedachteren Urteil kommen. Die anfängliche Hitler-Begeisterung von 1933 war auch bei den Menschen auf dem Land einer Ernüchterung gewichen. Trotzdem gab es in der Bevölkerung noch viele, die "ihrem Führer" und seinem Menschen verachtenden System bis zum Schluss die Treue hielten. Hätten wir uns wirklich anders verhalten als die meisten Menschen im Dritten Reich? Reagieren wir heute mit Mut und Entschlossenheit auf Unmenschlichkeit, Fremdenhass, Diskriminierung, Ungerechtigkeit und Gewalt ?

Der Mord an Jakob Petri genannt “Paus-Müller”

16 Kinder saßen beim Petri-Bauern in Weidenberg am Tisch in der Stube. Jakob, der älteste, kam am 15. Januar auf der kleinen Hofstelle zur Welt. Mit den Jahren wurde es eng auf dem Sachl und knapp ging es auch zu. Um später auf einer der  zahlreichen Mühlen der Gegend in Lohn zu kommen, wurde Jakob Müller.

Schon bald fand der junge Mühlknecht in der Einzendobl-Mühle bei Eging einen guten Platz. Es blieb ihm nicht verborgen, dass in der nahen Nußbaum-Mühle, von den Einheimischen nur Paus-Mühle genannt, eine junge Müllerswitwe mit ihrem kleinen Sohn lebte. Der Frau, die ihren Mann  durch Mörderhand verloren hatte, fehlten schon bald zwei kräftige Hände für das harte Tagwerk in der Getreide- und Spetri04ägemühle. Was lag da näher, als dass man sich zusammen- tat. So wurde aus dem Jakob der Paus-Müller. 1913 wurde dann geheiratet und zu dem  kleinen Max aus erster Ehe wurden die Töchter Maria und Veronika geboren. 

Der Erste Weltkrieg begann; Soldaten wurden gebraucht. Da war es dem Paus-Müller ganz recht, dass er dem kaiserlichen Militär als Müller dienen konnte. Als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, fanden sie auch auf dem Land nicht nur überzeugte  Volksgenossen. So einer, der schon ahnte, dass es mit Hitlers Weltreich ein schlimmes  Ende nehmen könnte, war der Jakob. Groß spielten sie sich auf die Parteioberen, garnicht nach dem Geschmack des einfachen Müllers.

Und so machte er auch hie und da  seiner Abneigung ordentlich Luft, aber nicht ohne dabei ein ihm nötig erscheinendes Maß an Vorsicht walten zu lassen. Als man dann noch seinen Bruder ins Dachauer KZ sperrte  waren auch seine letzten Zweifel an der unmenschlichen Gesinnung der "Braunen Macht- haber- ausgeräumt. Vom Wehrdienst zurückgestellt, mochte der Jakob der örtlichen  Parteiführung eher suspekt erschienen sein. Der Einziehung zum Volkssturm, dem letzten Aufgebot aus unreifen Knaben und alten Männern, konnte er sich nicht entziehen. Die  letzten Tage des großspurig als "tausendjährig" angekündigten Reiches brachen herein.  Der Krieg war längst verloren; Millionen Menschen waren tot oder verstümmelt und viele Städte lagen in Schutt und Asche. 

Wenige Wochen vor Kriegsende hörte man in der Paus-Mühle, dass am nahen Nammeringer Bahnhof ein Transport mit halbverhungerten KZ-Häftlingen eingetroffen sei. Die  Schüsse der SS-Wachen und die Schreie der Gepeinigten drangen bis in das stille Mühltal. Fassungslos sahen die Bewohner, wie zum Umfallen geschwächte Gefangene mit letzter Kraft einen schweren Holzwagen schoben. Häftlinge, die sich nach einem Büschel Gras bückten, wurden brutal geschlagen. Wer zusammenbrach, kam wie ein lebloser Gegenstand oben auf den Wagen. In einem nahen Steinbruch wurden Leichen verbrannt. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, dass unter den toten Körpern noch lebende Häftlinge gewesen seien.

Als der Transportzug nach einer Woche in Richtung Dachau weiterfuhr, blieben 794 ermordete Häftlinge zurück. Zorn und Abscheu über das Verbrechen ließen dem Paus-Müller keine Ruhe. Da und dort ließ er seiner Empörung auch freien Lauf: "Wenn der Krieg aus ist, wird es einigen dran gehen", prophezeite er düster im vertrauten Kreis.

Zu einer verhängnisvollen Begegnung mit einer "Braunen Schwester" der NS-Volkswohlfahrt kam es am 27. April in Aicha. Auf seine Partei feindlichen Äußerungen angesprochen, flüchtete sich der Jakob in Ausreden, die Gefahr in der er sich befand wohl ahnend. In der Gegend waren SS-Männer einquartiert, treue Gefolgsleute Hitlers, denen alles zuzutrauen war. Es könne ja auch ein anderer gesagt haben, dass es einigen dran gehen werde, versuchte Jakob seine Situation zu verbessern. In der Mühle war man über die entstandene Lage besorgt. "Sei nur vorsichtig", warnten Freunde bang. Wie jeden Tag war auch an jenem Samstag der Paus-Müller um diese Zeit bei der abendlichen Stallarbeit. In der Küche war es gemütlich. Jakobs Bruder saß mit zwei Freunden am Tisch und sie erzählten einander, wie sie ihre Frauen kennen gelernt hatten, als draußen ein Auto vorfuhr, dem zwei uniformierte SS-Männer entstiegen.

Die Küchentür flog auf. In barschem Ton, der keinen Zweifel an ihren Absichten ließ, fragten die SS-Leute nach dem Müller. Als der Jakob kurz darauf hereinkam, stellte sich die älteste Tochter Maria entschlossen zwischen die Uniformierten und ihren Vater. Mit vorgehaltener Pistole wurden Vater und Tochter getrennt und die Verhaftung vollzogen. "Wir bringen ihn nach Passau", gaben die Männer vor und schoben den Jakob in das bedrohlich wirkende Gefährt. In der dumpfen Gewissheit, den Jakob zum letzten Mal lebend gesehen zu haben, gingen die zurückbleibenden Männer still und voller Angst nach Hause. In der Nähe des Nammeringer Bahnhofs sah ein Bewohner den Müller im Fond der SS-Limousine sitzen; blass und in dunkler Ahnung. petri03

Kirchgänger fanden Jakob am Sonntagmorgen, dem Tag als die Amerikaner kamen, tot im Aichaer Pfarrhölzl liegen. Seine Mörder hatten ihn wenige Stunden vor Eintreffen der Befreier mit einem Genickschuss hingerichtet. Fast wäre der Paus-Müller anonym begraben worden, hätten ihn nicht seine Schnupftabaksdose und das Gsod in seiner Hosentasche als Einheimischen ausgewiesen. Als dann die Müllerin vor ihrem toten Mann stand, dauerte es eine kleine Weile, bis sie begreifen konnte, dass auch ihr zweiter Mann Opfer einer Gewalttat geworden war.

Ungeklärt wird bleiben, ob der Mord aus purer Willkür geschehen ist, oder ob am Tod des Müllers persönliches Interesse von Einzelpersonen bestand. Vielfach wurde nach Ende des Krieges nur wenig Mühe bei der Verfolgung von Nazi-Verbrechen aufgewandt, und in mancher Amtsstube blieb der alte Ungeist noch eine Weile bestehen. So wurden die Mörder nie gefunden.

Allgemein Verdächtigte waren zwei SS-Leute, die in Aicha ihr Quartier hatten. Bekannt waren die Uniformierten nur unter ihren Vornamen Hermann und Herbert. Der erstere hat nach Zeugenaussagen bei Einheimischen hartnäckig nach Hitler-Gegnern gefragt, und sich damit gebrüstet, schon sieben dieser "Verräter" erschossen zu haben. Fest steht, dass die damals siebenunddreißigjährige  NSV-Schwester Maria M. mit den SS-Männern guten und engen Kontakt hatte, wobei man sich bei Kaffee und Kuchen an Nachmittagen traf. Die "Braune Schwester" wurde nicht weiter strafverfolgt. Der Verkehrsunfall, den die Frau vor der Verhandlung in Passau erlitt, sei ohnehin Strafe genug, meinte das Gericht. Hartnäckige Gerüchte, dass die beiden SS-Männer auf der Flucht von Amerikanern erschossen wurden, sind nicht bestätigt.

Die Witwe des Paus-Müllers erhielt eine Wiedergutmachungs-Rente von 200 Mark und verstarb 1971.

 Hans Hübl